Ein neues Verständnis von Fehlzeiten
Eine aktuelle Auswertung des IGES Instituts im Auftrag der DAK-Gesundheit für das erste Halbjahr 2026 liefert hochrelevante empirische Befunde, die ein Umdenken im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) zwingend erforderlich machen. Es ist an der Zeit, dass Unternehmen bei Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tagen) nicht mehr primär an die klassische Erkältung denken, sondern ihren Fokus auf Erschöpfungssymptome und psychische Belastungen richten.
Kernergebnisse der DAK-Krankenstandsanalyse (1. Halbjahr 2026)
Die Analyse der Fehlzeiten von rund 2,2 Millionen DAK-versicherten Beschäftigten zeigt eine bemerkenswerte Verschiebung im Krankheitsgeschehen:
Tabelle 1: Zentrale Ergebnisse der DAK-Krankenstandsanalyse für das erste Halbjahr 2026.
Während der Gesamtkrankenstand leicht auf 5,3 Prozent gesunken ist, offenbart der Blick auf die Diagnosen eine alarmierende Entwicklung. Krankschreibungen aufgrund von Atemwegserkrankungen gingen um signifikante 21 Prozent zurück. Im starken Kontrast dazu stiegen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen um neun Prozent an. Damit haben psychische Erkrankungen die Atemwegserkrankungen als häufigsten Krankschreibungsgrund abgelöst. Zudem zeigt sich, dass die durchschnittliche Dauer einer Krankschreibung leicht von 9,5 auf 9,7 Tage gestiegen ist . Auch wenn bei jüngeren Beschäftigten (unter 55 Jahren) die Fehlzeiten sanken, verzeichnete die Altersgruppe der über 60-Jährigen ein Plus beim Krankenstand, bedingt durch längere Ausfallzeiten .
Erschöpfung als zentrales Gesundheits- und Wirtschaftsrisiko
Aus arbeits- und organisationspsychologischer sowie klinischer Sicht verdeutlichen diese Zahlen eine bedenkliche Zunahme mentaler Belastungen. Psychische Erkrankungen, insbesondere solche aus dem affektiven Spektrum (wie Depressionen) und Belastungsreaktionen (wie das Burnout-Syndrom), sind oftmals das Resultat chronischer, nicht bewältigter Stressoren am Arbeitsplatz. Sie zeichnen sich durch eine schleichende Entwicklung und lange Ausfallzeiten aus. Wenn psychische Diagnosen den Hauptgrund für AU-Tage darstellen, muss die betriebliche Gesundheitsförderung präventiv genau hier ansetzen. Unternehmen können es sich ökonomisch und ethisch nicht leisten, erst zu reagieren, wenn die Arbeitsfähigkeit bereits vollständig eingeschränkt ist. Langfristige Ausfälle binden nicht nur enorme Ressourcen, sondern belasten auch die verbleibenden Teams, was wiederum deren Erschöpfungsrisiko erhöht – ein Teufelskreis.
In Anbetracht der Tatsache, dass psychische Erkrankungen die Fehlzeitenstatistik anführen, gewinnt die Implementierung von Employee Assistance Programs (EAP) massiv an Bedeutung. Ein EAP bietet Beschäftigten und Führungskräften einen direkten, niederschwelligen Zugang zu anonymer, professioneller psychologischer Beratung. Ein zentrales Argument für EAPs ergibt sich aus der aktuellen Versorgungslage im Gesundheitssystem. Es war selten so schwer, zeitnah einen Psychotherapieplatz zu bekommen. Durch aktuelle politische Entwicklungen und budgetäre Restriktionen droht sich diese Situation langfristig weiter zu verschärfen. Für Betroffene bedeutet dies oft monatelange Wartezeiten, in denen sich die Symptomatik chronifizieren kann und die Arbeitsfähigkeit massiv gefährdet ist. Hier fungiert das EAP als essenzieller Puffer. Eine schnelle, professionelle psychologische Beratung fängt akute Belastungsspitzen ab, bevor es zu langfristigen Ausfällen kommt. Durch psychologisches Coaching im Rahmen des EAP können Symptome frühzeitig gelindert und Bewältigungsstrategien (Coping) erarbeitet werden.
Lotsenfunktion und Prävention
Darüber hinaus übernehmen die beratenden Psycholog*innen im EAP eine wichtige Lotsenfunktion. Sie können eine erste klinische Einschätzung vornehmen, stabilisierend wirken und Betroffenen helfen, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden, um schneller an einen adäquaten Therapieplatz zu gelangen, falls eine klinisch Störung vorliegt.
Für Unternehmen bedeutet die Investition in ein EAP somit nicht nur die Erfüllung der Fürsorgepflicht, sondern ein proaktives Risikomanagement. Es ist ein evidenzbasiertes Instrument, um die psychische Gesundheit der Belegschaft zu erhalten, die Resilienz zu stärken und den steigenden Zahlen bei psychisch bedingten AU-Tagen effektiv entgegenzuwirken.
Fazit
Die DAK-Analyse für das erste Halbjahr 2026 liefert den empirischen Beweis: Die Prävention psychischer Erkrankungen muss in den Fokus unternehmerischen Handelns rücken. Der Anstieg psychischer Diagnosen um neun Prozent und ihre Position als häufigster Krankschreibungsgrund sind ein Weckruf. In Zeiten knapper Psychotherapieplätze sind Unternehmen gefordert, eigene Strukturen zur mentalen Gesundheitsförderung zu etablieren. Ein Employee Assistance Program, durchgeführt von qualifizierten Psycholog*innen, ist dabei das Mittel der Wahl, um Erschöpfungssymptomatiken frühzeitig zu begegnen, akute Hilfe zu leisten und langfristige Ausfälle zu verhindern.
Quellenverzeichnis