Warum wir unter Druck manchmal Helden und manchmal Egoisten sind
von Sophie Kill
Stress ist der ständige Begleiter in der modernen Arbeitswelt. Doch während wir oft glauben, dass Stress uns lediglich reizbar und egoistisch macht, zeigt die aktuelle Psychologieforschung ein weitaus komplexeres Bild. In seinem wegweisenden Vortrag „Paradox gestresst ‒ Wie unser Gehirn entscheidet, wem wir helfen“ räumt Prof. Dr. Tobias Kalenscher mit dem Mythos der rein aggressiven Stressreaktion auf.
Die zwei Gesichter des Stresses: Fight-or-Flight vs. Tend-and-Befriend
Evolutionär gesehen verfügt unser Gehirn über zwei grundlegende Strategien, um auf Bedrohungen zu reagieren. Die klassische „Fight-or-Flight“-Reaktion (Kampf oder Flucht) mobilisiert Energie für den Eigenschutz. In sozialen Kontexten führt dies oft zu aggressivem Verhalten oder Rückzug. Dem gegenüber steht jedoch der „Tend-and-Befriend“-Mechanismus (Kümmern und Anfreunden). Unter Stress schüttet unser Gehirn nicht nur Cortisol aus, sondern aktiviert auch soziale Bindungssysteme (unterstützt durch Oxytocin). Das Ergebnis: Wir suchen die Nähe anderer, werden hilfsbereiter und stärken den Zusammenhalt. Stress kann uns also paradoxerweise prosozialer machen ‒ wir rücken zusammen, wenn es brenzlig wird.
Die Falle: Parochialer Altruismus
Für die Arbeitswelt ist eine Erkenntnis von Prof. Kalenscher besonders brisant: Diese gesteigerte Hilfsbereitschaft ist selektiv. Wir helfen vor allem denen, die wir als Teil unserer eigenen Gruppe (Ingroup) wahrnehmen. Gleichzeitig kann derselbe Stress Hormonmix dazu führen, dass wir uns gegenüber Außenstehenden (Outgroup) stärker abgrenzen oder sogar feindselig reagieren.
Die Aufgabe der Führung: Führungskräfte müssen aktiv daran arbeiten, die Grenzen der „Ingroup“ zu erweitern. Ein gemeinsames Ziel, das über die eigene Abteilung hinausgeht, hilft dabei, den Tend-and-Befriend-Mechanismus auf die gesamte Organisation zu übertragen. Nur wer sich sicher fühlt, kann die kognitiven Ressourcen aufbringen, um über den Tellerrand der eigenen Gruppe hinauszublicken, weshalb eine psychologische Sicherheit und ein hohes Maß an Vertrauen im Team entscheidend sind.
Fazit: Stress ist nicht per se der Feind der Zusammenarbeit. Er ist ein Verstärker sowohl für den internen Zusammenhalt als auch für die externe Abgrenzung. Wer diese Mechanismen versteht, kann Teams auch durch stürmische Zeiten der Veränderung führen, ohne dass die organisationale Kooperation auf der Strecke bleibt. Wir unterstützen Sie sehr gerne dabei.