Anne Morriss: "Leadership is a practice of imperfect humans leading imperfect humans. That's why it's so hard"

von Sophie Kill

In einer Welt, die von schnellen Entscheidungen und disruptiven Veränderungen geprägt ist, hat sich das Mantra „Move fast and break things“ in vielen Führungsetagen etabliert. Doch was, wenn dieser Ansatz mehr Schaden als Nutzen anrichtet? Die Leadership-Visionärin Anne Morriss stellt in ihrem inspirierenden TED Talk eine kraftvolle Alternative vor: „Move fast and fix things“. Ein Plädoyer für eine Führungskultur, die Geschwindigkeit mit Verantwortung verbindet und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Anne Morriss, eine erfahrene Beraterin, die seit über einem Jahrzehnt Unternehmen bei der Bewältigung ihrer größten Herausforderungen unterstützt, argumentiert, dass die weit verbreitete Annahme, man müsse sich zwischen schnellem Fortschritt und der Fürsorge für Mitarbeiter und Kunden entscheiden, ein Trugschluss ist. Die effektivsten Führungskräfte, so Morriss, schaffen beides: Sie beschleunigen Problemlösungen und übernehmen gleichzeitig die volle Verantwortung für das Wohlergehen aller Beteiligten.

Ihr Ansatz ist nicht nur eine theoretische Überlegung, sondern ein praxiserprobtes Playbook, das sie in einem fiktiven Wochenplan vorstellt. Ein Plan, der Führungskräften helfen soll, Vertrauen aufzubauen, Probleme nachhaltig zu lösen und eine Kultur der psychologischen Sicherheit zu schaffen.

Das Playbook: In fünf Tagen zum „Fixer“ werden

Morriss gliedert ihren Ansatz in einen Fünf-Tage-Plan, der Führungskräfte dazu anleitet, Probleme strukturiert und menschlich anzugehen.

Montag: Die Wahrheit finden – Was ist das eigentliche Problem?

Der erste Schritt ist oft der schwierigste: die ehrliche Diagnose. Wir neigen dazu, von unseren eigenen Annahmen überzeugt zu sein („Meine Mitarbeiter sind unmotiviert“, „Die andere Abteilung blockiert uns“). Morriss fordert uns auf, diese Gewissheiten in Fragen zu verwandeln: „Was ist mit meinen Mitarbeitern los?“ Der Schlüssel liegt in der Neugier und dem Mut, direkte Gespräche mit den Betroffenen zu führen. Nur so lässt sich die eigene Rolle im System erkennen und das wahre Problem identifizieren, das oft tiefer liegt als die oberflächlichen Symptome.

Dienstag: Das Experiment – Ein „gut genug“ Plan

Perfektionismus ist der Feind des Fortschritts. Statt nach dem perfekten Plan zu suchen, der in der Realität ohnehin nie existiert, schlägt Morriss vor, einen „gut genug“ Plan zu entwickeln. Die zentrale Frage dabei lautet: „Was kann ich morgen tun, um mehr Vertrauen aufzubauen als heute?“ Es geht nicht darum, sofort die endgültige Lösung zu finden, sondern darum, ins Handeln zu kommen, zu lernen und unvermeidliche Fehler als Teil des Prozesses zu akzeptieren. Der Dienstag ist ein Tag zum Spielen und Experimentieren im „Sandkasten des Lebens“.

Mittwoch: Die Perspektive wechseln – Neue Freunde finden

Probleme lassen sich selten in einem Echoraum lösen. Am Mittwoch geht es darum, bewusst den Austausch mit Menschen zu suchen, die anders denken und andere Lebenserfahrungen haben. Ob ein neuer Kollege, jemand aus einer anderen Abteilung oder mit einem anderen kulturellen Hintergrund – diese Gespräche bringen neue Perspektiven und machen den „gut genug“ Plan zu einem „noch besseren“ Plan. Vielfalt ist hier keine Floskel, sondern ein strategisches Werkzeug zur Problemlösung.

Donnerstag: Die Geschichte erzählen – Sinn stiften

Veränderung braucht eine Erzählung. Menschen müssen verstehen, warum eine Veränderung notwendig ist und welchen Platz sie in dieser neuen Geschichte haben. Eine gute Geschichte, so Morriss, besteht aus drei Teilen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wichtig ist, die Vergangenheit zu würdigen und die Leistungen der Beteiligten anzuerkennen, anstatt sich als alleiniger Retter zu inszenieren. Eine klare, lebendige Vision der Zukunft gibt Orientierung und mobilisiert die Energie, die für den Wandel gebraucht wird.

Freitag: Handeln – Mit Dringlichkeit zum Ziel

Nach einer Woche der Vorbereitung ist es Zeit, ins Handeln zu kommen – und zwar schnell. Der Freitag steht im Zeichen der Dringlichkeit. Administrative Hürden und unproduktive Prozesse, die dem Handeln im Weg stehen, müssen konsequent beseitigt werden. Morriss stellt die provokante Frage: „Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Veränderung? Wie wäre es mit jetzt?“ Diese Dringlichkeit signalisiert, dass das Problem ernst genommen wird und setzt die notwendige Energie im System frei, um die erarbeiteten Pläne Realität werden zu lassen.

Fazit: Führung als unvollkommene Praxis

Anne Morriss‘ Botschaft ist ebenso einfach wie tiefgreifend: Führung ist keine exakte Wissenschaft, sondern die Praxis unvollkommener Menschen, die andere unvollkommene Menschen führen. Genau das macht sie so herausfordernd und gleichzeitig so menschlich. Ihr „Move fast and fix things“-Ansatz ist ein kraftvolles Gegenmodell zu einer rein auf Effizienz getrimmten Führungskultur. Er erinnert uns daran, dass nachhaltiger Erfolg nur dort entsteht, wo Vertrauen, Empathie und die Bereitschaft zur Selbstreflexion die Grundlage des Handelns bilden. Anstatt Monate oder Jahre mit der Lösung komplexer Probleme zu verbringen, fordert uns Morriss auf, den Status quo mit einer gesunden Dringlichkeit zu hinterfragen und mutig ins Handeln zu kommen. Denn die meisten Probleme verdienen eine schnellere Antwort – und die Menschen in unseren Organisationen verdienen eine Führung, die sie nicht nur fordert, sondern auch fördert und schützt.

 

Den Ted-Talk finden Sie hier:

https://youtu.be/V7pf3oT2_dE